Jubiläum: 70 Jahre Marie-Luise-Schattenmann-Haus
1913 eröffnete der ‚Verein der Freundinnen junger Mädchen‘ das Wohnheim mit dem Namen ‚Heimat‘ mit 54 Betten. Zudem gab es in der Arcisstr. 44 eine Zufluchtsstätte mit 3 Betten.
„Bereits seit dem Jahr 1913 betreibt die Münchner Ortsgruppe des Internationalen Vereins der Freundinnen junger Mädchen in der Landwehrstraße 81 ein Wohnheim für junge, berufstätige Frauen, Lehrlinge und Studentinnen. Zwischen 1953 und 1955 wird auf Betreiben der Vorsitzenden Marie-Luise Schattenmann ein neues Wohnheim in der Friedrich-Loy-Straße in München-Schwabing gebaut.¹ Die Planung des fünfgeschossigen Baukörpers, der Platz für 120 Bewohnerinnen bietet, übernehmen Grete Wirsing und Werner Wirsing.² Während ihres Studiums wohnt auch Roswitha Then Bergh hier.³“
Am 1. Mai 1955 nahm das neue Wohnheim seinen Betrieb auf, die Adresse lautete damals noch Zentnerstr. 62, seit 1961 die heutige Friedrich-Loy-Straße.
Nach dem frühen Tod von Marie-Luise Schattenmann, kurz nach der Einweihung, wurde das Jugendwohnheim nach ihr benannt; sie war erste Vorsitzende und maßgebliche Mitstreiterin für das neue Wohnheim des Vereins. Ihr Lebenslauf kann im Folgenden nachgelesen werden.
Anfangs zogen 10 junge Frauen ein und im Laufe der ersten beiden Monate erhöhte sich die Zahl der Bewohnerinnen auf 90.
Erweiterung im Bereich Jugendhilfe
In den 80er Jahren erweiterte sich das Marie-Luise-Schattenmann-Haus.
„In den 1970er-Jahren übernimmt das Haus schrittweise auch die Betreuung von Klientinnen aus der Jugendhilfe und wird 1981 als heilpädagogisches Heim anerkannt. 1995 werden Ingrid Küttinger und Georg Küttinger vom Verein beauftragt, einen Erweiterungsbau mit Speisesaal und Großküche sowie zusätzlichen Wohn- und Betreuungszimmern in den oberen Geschossen zu realisieren.“
Am 11.07.1995 wird der Grundstein für diesen Erweiterungsbau gelegt und schon zwei Jahre später am 18.08.1997 erfolgt die Einweihung.
Quelle: https://frauenbauen.com/projekt/wohnheim-marie-luise-schattenmann-haus
Eine damalige Bewohnerin blickt zurück
Die damalige Bewohnerin Marianne D. blickt im Dezember 2016 in München auf ihre Zeit als sogenanntes ‚Heimchen‘ in der Zeit von 1958-1960 zurück und erzählt:
"Auch in den 50-er-Jahren war es sehr schwierig als Lehrling, Studentin oder bereits in Arbeit Stehende ein möbliertes Zimmer zu bekommen. Es hat sich herum gesprochen, dass in Schwabing, immer schon ein Anziehungsviertel in München, ein Heim für junge Frauen besteht, das Marie-Luise-Schattenmann-Haus. Damals war die Adresse Zentnerstr. 62, heutige Friedrich-Loy-Straße. Aber um in dieses Heim zu kommen, kam man erst auf eine Warteliste und musste zwei Empfehlungen vorlegen. Besonders gut war es, wenn diese Empfehlung von einem Pfarrer kam.
Das Haus beherbergte 120 junge Frauen und Mädchen in Ein-, Zwei- und Vierbettzimmern. Die Preise richteten sich nach der Bettenzahl im Zimmer. Es gab die Möglichkeit der Vollpension oder nur Frühstück und Abendessen. Die Mahlzeiten gab es die ganze Woche, also von Sonntag bis Samstag. Frühstück und Mittagessen waren unterschiedlich, wie die Einzelnen kamen, das Abendessen aber gemeinsam. Am Sonntag traf man sich auch gemeinsam zum Mittagessen. Diejenigen, die zum Abendessen nicht da sein konnten, waren in der Küche genannt und konnten später ein Essen bekommen.
Kontakt hatte man mit den Zimmerkolleginnen und durch das gemeinsame Essen lernte man auch andere Heimchen kennen. Die neuen Heimchen mussten sich beim Abendessen vorstellen, woher sie kamen, was sie in München machten. Es wohnten hier Mädchen aus den ganzen Landesteilen in Deutschland und aus der ehemaligen DDR. Auch aus dem Ausland kamen die Bewohnerinnen ins Heim, aus Persien, Griechenland, Türkei, Schweden, Norwegen und Finnland. Besonders interessant war es für uns, dass die spätere Kaiserin von Persien, Farah Diba, ihre Freundinnen besuchte und einige Tage im Heim verbrachte, auch die Frau des Bundespräsidenten Herzog wohnte während ihrer Ausbildung im Heim.
Wir hatten wenige Aufgaben: Die Zimmer wurden einmal in der Woche gereinigt und frische Bettwäsche bekam man alle 3 Wochen. Man hatte also viel Zeit für persönliche Aktivitäten. Man traf sich und ging zusammen ins Kino oder ins Theater, im Sommer zum Schwimmen an den Baggersee, der kostete keinen Eintritt. Viele Fotos zeigen die Geburtstagsfeiern in den Zimmern, die immer sehr lustig waren.
In der Faschingszeit kamen Anfragen von verschiedenen Burschenschaften, von Studenten- und Männerwohnheimen, die dringend Tänzerinnen brauchten. Wir besuchten zusammen auch die Faschingsfeste im Hotel Regina und im Haus der Kunst.
Und natürlich, unser eigenes Faschingsfest. Dazu wurde der Speisesaal entsprechend dem Thema geschmückt. Getränke und Essen wurden abwechselnd von den Heimchen verwaltet.
Beim Frühlings- oder Sommerfest wurde der Speisesaal unter Anleitung einer Floristin mit vielen Blumen geschmückt. Viele halfen mit beim Herrichten und dann auch wieder beim Aufräumen - und das war eine Menge Arbeit. Aus den Tanzabenden entstanden einige Ehen und Freundschaften. Einige der Heimchen gaben auch ihr Talent weiter: Eine Skifahrerin traf sich einmal in der Woche mit uns, wer wollte, zur Skigymnastik.
Geld hatten wir nicht allzu viel und so mussten wir zur Eigeninitiative greifen und die Geschenke selber basteln. Mir sind noch die Peddigrohr-Arbeiten in Erinnerung. Eine Einführung in Yoga gab eine Lehrerin, die Übungen wurden dann in den Zimmern unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgeführt. Bei einem Abend mit einer Ärztin konnte man Probleme besprechen. Im Aufenthaltsraum im Erdgeschoß stand eine Nähmaschine und nach einem Nähkurs wurde eifrig eigene Kleidung genäht, die dann auf einer ‚Modenschau‘ präsentiert wurde.
Fräulein Fritz war für das Kulturprogramm zuständig, bei dem auch Auswärtige teilnahmen: Da gab es Urlaubsfahrten an die Ostsee, den Bodensee, Besuch des SOS-Kinderdorfes, im Winter Skifahren. Einmal im Monat gab es einen ‚Teeabend‘, der Besuch war Pflicht. Dort wurden Änderungen und Neues besprochen. Das Theaterstück ‚Die kleine Stadt‘ wurde eingeübt und unter großem Beifall aufgeführt. Der Bayerische Rundfunk brachte in seiner Sendung ‚Das kleine Notizbuch‘ einen Bericht über das Heim. Eine Reporterin begleitete die Heimleitung und uns einen Tag lang.
Die Pforte für ankommende Anrufe (Handys gab es nicht, und so liefen alle Gespräche über die Telefonnummer des Heimes) und Besuche musste besetzt werden. Am Nachmittag hielt Oma Kühnel die Stellung und nach dem Abendessen war es die Aufgabe der Heimchen abwechselnd die Pforte zu bedienen, dieses war freiwillig. Wollte man ausgehen oder ins Theater, Konzert oder Besuche machen, musste man sich in ein Heft, das an der Pforte lag, eintragen: Wann man weggeht und wohin. Schlüssel gab es wenige und nicht alle bekamen einen. Um 22 Uhr hatten alle, die keinen Schlüssel bekamen, zuhause zu sein: Die Schlüsselinhaber kamen mit der letzten Straßenbahn. Die Heimleitung, die den Abenddienst hatte, ging von Zimmer zu Zimmer um allen „Gute Nacht“ zu sagen. Es war natürlich auch die Kontrolle, wer da war und was man so am Abend machte.
Außerdem musste man der Reihe nach in der Küche abtrocknen. Hatte man keine Zeit oder war nicht da, konnte eine andere diese Aufgabe übernehmen und die bekam dann DM 0,50 unter der Woche, für den Sonntag DM 1.-.
In jedem Stockwerk gab es eine Stockwerksvertreterin, die von allen gewählt wurde. Sie trafen sich mit der Heimleitung, um verschiedenes zu besprechen.
Eine sehr beliebte Heimleiterin war Frau Baier. Sie wurde vom Vorstand entlassen, was zu einem großen Protest führte. Die Mädchen hingen schwarze Fahnen aus den Fenstern. Das eskalierte dann aber, als auch schwarze Unterwäsche aus den Fenstern flatterte und die Abendzeitung darüber berichtete.
Seit ca. 20 Jahren gibt es einmal im Monat einen ‚Heimchen-Stammtisch‘, der regelmäßig besucht wird. Es verbindet uns die gemeinsam erlebte Heimzeit und sehr traurig mussten wir schon Abschied nehmen, wenn eine ehemalige Heimchen verstorben ist.
Wir denken gerne an die Zeit im Marie-Luise-Schattenmann-Haus zurück, hatten wir doch die Möglichkeit in der Gemeinschaft Neues zu entdecken und auszuprobieren."

